Das Wort

Das Wort „Quysthali“ hört Jin’Enom, der Gründer der Gemeinschaft, als er ein asiatisches Kloster besucht und mit dem Ältesten spricht.

 

»Ja«, kam aus seinem Mund, »Du bist Quysthali!«

rosenegg_bibliothekDer Mann, der Jin’Enom werden sollte, traute seinen Ohren nicht. Hatte der alte Mönch tatsächlich soeben Englisch mit ihm geredet? Es musste so sein, denn die ersten drei Worte des Satzes hatte er eindeutig verstanden. Nur das Letzte nicht. Es hatte einen für ihn etwas fremdartigen Klang, es war so etwas wie kwys-tali oder kwis-tali gewesen.

»Ich bin was?«, fragte er überrascht nach.
»Quysthali«, wiederholte der Mönch.
Nun war auch Sato überrascht. Nicht nur, dass dieser Mönch offensichtlich einige englische Sätze kannte, er war sogar in der Lage, sich damit verständlich zu machen. Und als hätte jener die Gedanken des Japaners erraten, ging er auch schon darauf ein.
»Ja, ich beherrsche ein wenig die Sprache der Engländer«, bestätigte er, »genug, um damit sagen zu können, was ich sagen will. Und ich sage Dir, Du bist Quysthali.«
»Was bedeutet es, dieses Quysthali?«, wollte der Mann, der Jin’Enom werden sollte, wissen.
»Es ist ein altes Wort«, sagte der Mönch. »Die Vorfahren unserer Vorfahren brachten es mit, nachdem die Menschheit die große Reise über den Planeten angetreten hatte. Was es bedeutet? So einfach kann man das nicht sagen. Die erste Silbe Qi bedeutet soviel wie Energie, die letzte Silbe Li Prinzip, Ordnung, Vernunft oder Logik. Qi und Li sind Gegenspieler, auf der einen Seite die ungebändigte, ungebremste Energie, auf der anderen Seite die Ordnung, Kontrolle. Dazwischen steht eine Silbe, von der wir vermuten, dass sie sich von dem Wort zhou ableitet, das bedeutet zeitliche Unendlichkeit. Zwischen Energie und Ordnung steht die Unendlichkeit, denn das ist eine große Herausforderung. Für uns ist Quysthali jemand, der unablässig versucht, den Ausgleich zwischen den beiden Seiten zu erreichen. Viele Menschen teilen die Welt in zwei Seiten, eine gute und eine böse. Und dann verdammen sie alles, was sie als böse, und loben alles, was sie als gut definiert haben. Das ist ein sehr einfaches Vorgehen. Aber Du, Du bist Quysthali. Du machst Dir Gedanken. Du hörst, was beide Seiten zu sagen haben. Und dann erst tust Du etwas. Viele Menschen sehen eine Aufgabe und wagen es nicht, sie anzugehen, weil sie sagen, sie können sie sowieso nicht bewältigen. Du nicht. Du siehst eine große Aufgabe und willst etwas tun. Und zwar nicht, indem Du Dir einfach vorschreiben lässt, was Du zu tun hast, sondern indem Du selber denkst. Deinen Weg gehst und diesen immer wieder hinterfragst.«

 

aus dem Buch „Quysthali – Buch 1. Eine Heldenreise