Archiv für den Monat: Mai 2015

B1 | 1. Rosenegg

Taro Ritter packte den Griff der Reisetasche noch fester und lief von dem Parkplatz weg, auf dem er sein Auto abgestellt hatte. Sein Weg führte ihn über die Straße, auf die andere Seite, wo ein Weg in Richtung von Schloss Rosenegg führte.

Rosenegg war eine Spornburg, die auf einem Felsen auf einer Anhöhe saß. Von ihr aus führte ein kurviger Weg herunter, durch zwei andere Erhebungen hindurch und weiter, bis er auf die Bundesstraße 31 traf, die am Ufer des Bodensees entlangführte.

Die Front des Schlosses war gut und gern sechzig Meter lang. An der linken und rechten Seite waren die Gebäudeteile auf einer Länge von etwa sechzehn Metern nach vorne gesetzt, so dass es ein wenig wirkte wie zwei Türme. Die Eingangstür befand sich in der Mitte der Front, eine breite Steintreppe führte knapp einen Meter nach oben. Vor der Treppe befand sich eine Säulenreihe, die einen über der Eingangstür befindlichen Balkon stützte. Die ganze Front war weiß verputzt. Der Platz vor der Front war von einer kleinen Mauer eingerahmt, und über die Straße spannte sich ein großes Eisentor. Alles wirkte sehr herrschaftlich.

Das Eisentor war nicht geschlossen, es stand offen, so als wollte es jeden zufällig vorbeikommenden als Besucher einladen. Nun war Taro aber nicht zufällig hier, im Gegenteil. Er hatte den Aufenthalt hier gebucht. Doch noch immer war er sich nicht sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war. Aber was war in letzter Zeit schon irgendeine Art von guter Entscheidung gewesen?

Eine junge Frau kam aus der Eingangstür heraus. Sie hatte etwas geheimnisvolles an sich. Ihre zu einem Zopf gebundenen Haare waren kupferrot gefärbt – obgleich man sehen konnte, dass das nicht ihre eigene Haarfarbe war – und sie hatte braune Augen.

„Aaaah“, machte sie, „ich hatte doch den Eindruck, dass da ein Auto gekommen ist. Sie sind Taro Ritter?“

„Ja, bin ich“, erwiderte Taro.

„Taro, ist das nicht japanisch?“, wollte die Frau wissen.

Taro grinste. Er sah nicht japanisch aus, nicht einmal asiatisch. Eher mitteleuropäisch mit seinen dunkelblonden Haaren und blauen Augen. Seine Haare wurden gerade von einer steifen Brise durcheinander gewirbelt. Die Luft war feucht, aber im Moment regnete es nicht. Trotzdem fühlte es sich kalt an.

„Meine Mutter“, erklärte Taro, „suchte nach einem Namen, der sich allen europäischen Sprachregeln zum Verniedlichen und Verballhornen widersetzt. Sie fand ‚Taro‘ passend.“

„Stimmt“, bestätigte die Frau. „‚Tarochen‘ klingt irgendwie… ich weiß nicht wie. Es kommt einem nicht leicht über die Zunge. Ich bin Vivien. Wenn Sie nichts dageben haben – wir duzen uns hier alle.“

„Nein, ich habe nichts dagegen. Also Vivien.“

Sie ignorierte die Hand, die er ihr entgegen streckte. Stattdessen machte sie einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn zur Begrüßung. Taro war völlig überrumpelt, gleichzeitig hatte er aber das Gefühl, dass die Anspannung, die er die letzten Tage und Wochen verspürt hatte, sich zu lösen begann. Das ging ja gut los.

„So, und damit offiziell willkommen bei den Quysthali! Ich darf Dich herumführen und Dir alles zeigen. Wie gefällt Dir Schloss Rosenegg bis jetzt?“

„Sieht klassisch aus. Aber wo sind die Rosen?“

Tatsächlich hätte man bei so einem Namen vielleicht erwartet, dass das Schloss mit Dornengewächsen umrankt ist oder aber zumindest inmitten von Rosenblüten liegt. Das war aber nicht der Fall. Rosenegg stand inmitten von Wiesen vor einem Waldgebiet. Unmittelbar an der Umzäunung des Vorhofs ging es einen Abhang herunter. Seitlich des Schlosses ebenfalls. Taro hatte dort eine Art Schlucht gesehen, an deren Ausgang eine Mühle mit zugehörigem Weiher stand.

„Woher der Name des Schlosses kommt, weiß man nicht mehr so genau“, sagte Vivien und grinste. „Die Silbe ‚egg‘ deutet auf einen Felsenplatz auf oder auch vor einem Hügel hin. Rosenegg ist deswegen eine so genannte Spornburg. Du weiß, was das ist?“

Taro verzog das Gesicht. Außer einem lang gezogenen „Äääääh“ kam allerdings nichts aus seinem Mund.

„Also“, sprang Vivien ein, „ein Bergsporn ist eine Geländeformation meist unterhalb einer Bergkuppe, die nach mindestens zwei Seiten steil abfällt. Von so einem Punkt kann man also nach mehreren Seiten die Gegend überwachen, während die Annäherung erschwert ist. Und genau so ist es hier, nach vorne zu Straße und zur Seite zum Tobel. Hinter uns der Tobelwald steigt in Richtung Hödingen steil an, da haben wir die Bergkuppe. Daher Spornburg.“

Taro nickte stumm, also fuhr sie fort: „Es gibt eine Urkunde, die heute in irgendeinem Museum liegt, in der wird das ganze Gebiet hier als ‚Rosegg‘ bezeichnet. Im Lauf der Zeit wurde daraus ‚Rosenegg‘, es sieht aber so aus, als habe der Name nicht so sehr viel mit Rosen zu tun, sondern mit Pferden, also Rössern.“

„Und wer hat sich letztlich hier niedergelassen?“, fragte Taro.

„Interesante Frage.  Bei Grabungen hat man herausgefunden, dass dieser Platz ganz ursprünglich von den Kelten entdeckt und besiedelt worden war. Sie haben auch einige Mauern gebaut. Dann kamen die Römer und machten ihnen das Anwesen streitig. Was genau passiert ist, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen, sei es, dass die Römer die Kelten vertrieben haben oder dieses Anwesen assimilierten, jedenfalls bauten die Römer diese keltische Siedlung zu einem Kastell aus. Aber irgendwann waren die Römer wieder weg und die nächsten Besiedlungsspuren, die man fand, stammen ungefähr aus der Zeit, als die Siedlung Iburinga erstmals urkundlich erwähnt wurde.“ Sie sah den fragenden Blick ihres Gegenübers, also fuhr sie gleich fort: „Überlingen. Iburinga heißt heute Überlingen. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes war um das Jahr 770. Da klaft also eine Lücke in der Geschichte dieses Gewanns, aber das Problem ist, dass jede Epoche auf die Ruinen der vorigen gebaut hat. Die Römer auf die Kelten, die Alemannen auf die Römer, die Badener auf die Alemannen. Und zwischendrin gab es auch mal wieder Zeiträume, in denen hier niemand lebte. Die letzte Bauphase begann nach dem dreißigjährigen Krieg, es kamen die zusätzlichen Gebäude dazu, und dem Schloss wurde sein heutiges Aussehen gegeben. Im dreißigjährigen Krieg gab es ein paar Kämpen, die sich verdient gemacht und deswegen Anrecht auf eine Belohnung hatten.  Einer von diesen war Kuno von Braunfels. Er erhielt das Schloss als Lehen, und er und seine Nachfahren ließen nach und nach die Wirtschaftsgebäude dazubauen. Als erstes die Mühle, die wir uns später vielleicht auch noch ansehen werden, von dieser hat das Gebiet seinen Namen. Als die Elektrizität Einzug hielt in Deutschland, wurde als letztes Gebäude das Generatorenhaus dazugebaut, das mit Hilfe des aufgestauten Tobelbachs unten im Tal Strom erzeugte.“

Ein heftiger Windstoss unterbrach sie. Ein paar Regentropfen peitschen gegen die Scheiben des Schlosses, auf den Boden und auf die beiden. Es war nicht viel Regen, aber es war unangenehm.

„Wir sollten vielleicht reingehen“, schlug Vivien vor. „Da sind wir zumindest trocken.“

Taro widersprach nicht. Vivien ging voraus an die doppelflügelige massive Eingangstür. In der Tür befand sich ein modernes Schloss, das offensichtlich nachträglich eingefügt wurde, allerdings so, dass es das Gesamtbild nicht störte. Die Tür war ohnehin nicht besonders verziert, aber das Schloss war in einem hölzernen Ring versenkt, so dass man es nicht so einfach aufbrechen konnte. Aber die Tür war sowieso nicht verschlossen. Vivien drückte einfach den eisernen Türgriff herunter und schob den rechten Türflügel auf.

Direkt hinter der Eingangstür befand sich ein quer zur Front des Schlosses verlaufender Gang, der allerdings links und rechts nochmals durch Wände abgeteilt war. Da die Türen in diesen Wänden offen standen, konnte man allerdings die Länge des Gangs sehen, der von Fenstern der Front erhellt wurde.
Von der Tür weg kam man durch zwei Säulen direkt in die großzügig gestaltete Eingangshalle, die hier bis zum Dach des Gebäudes ging. Zwei Treppen führten links und rechts an der Wand hinauf in den ersten Stock, wo sich eine Galerie befand, eine solche war auch im Dachgeschoss zu erkennen. Der Raum wirkte durch seine Höhe sehr imposant, was durch den von der Decke hängenden eisernen Leuchter noch verstärkt wurde.

Am linken Treppenaufgang hingen zwei große Porträts. Eines zeigte einen Asiaten, das zweite einen alten Mann. Taro konnte erkennen, dass an den Rahmen der Bilder Schilder angebracht waren „Hiroshi Sato, 1975 – 2006“, stand auf einem einen und „Jin’Enom, 1940 – 2015“ auf dem anderen. Jin’Enom, der Gründer der Quysthali. Taro hatte gelesen, dass er erst vor wenigen Wochen gestorben war.

„Wow“, staunte er, „die Familie Braunfels muss wirklich reich gewesen sein.“

„Wie man’s nimmt“, entgegnete Vivien. „Die Familie Braunfels war nur bis in die 1970er jahre im Besitz des Schlosses. Eigentlich hat die Familie ja noch ihren Stammsitz Schloss Braunfels in Braunfels an der Klotz. Rosenegg wurde in den 1970er Jahren zunehmend unrentabel. Also fing die Familie Braunfels an, alles zu verkaufen, was sich an antiken Stücken hier befand. Als abzusehen war, dass sie das Schloss nicht würden halten können, kamen sie auf die Idee, hier ein Museum einzurichten, weil es dafür Zuschüsse vom Land gegeben hätte. Doch das Schloss war praktisch leer – was sollte man denn in einem solchen Museum ausstellen wenn man alle Ausstellungsstücke bereits verkauft hatte? Also wurde das Gelände an eine Museumsgesellschaft verkauft, die es über einen Kredit bei unserer Bank finanziert hatte. Tatsächlich machten sie hier ein Museum auf, aber die Gäste blieben aus. Sie hatten ein paar Modernisierungen durchgeführt, aber es half nichts. Nach fünf Jahren, es war 1982, soweit ich mich erinnere, musste die Gesellschaft aufgelöst werden. Eine Bank übernahm das Objekt, das uns als Kreditsicherheit überschrieben worden war. 1990, im Taumel des Mauerfalls, kam ein Investor, der daraus ein Fortbildungszentrum mit Hotel machen wollte. Doch die Arbeiten gingen sehr schleppend voran. 1995 gehörte das Schloss wieder der Bank.  Erst 2005 erwarb Jin’Enom, der Gründer der Quysthali, dessen Porträt Du dort drüben siehst“ – an dieser Stelle nickte Taro kurz – „die ganze Anlage. Und seither leben und arbeiten wir hier.“

„Du überforderst unseren Gast doch wohl nicht, Vivien?“, war plötzlich eine Stimme zu hören. Ein Mann, etwa Mitte vierzig, der einen langen, blauen Mantel trug, kam die Treppen auf der rechten Seite herunter.

„Das würde ich mir nie erlauben“, grinste Vivien. „Taro, ich darf Dir vorstellen: Das ist Lumin, Jin’Enoms Nachfolger.“

Lumin kam die Stufen herunter und ging direkt auf den Gast zu. „Taro, ja?“, fragte er und schüttelte dessen Hand. „Ich freue mich. Vivien hat mir gesagt, dass Du bei uns ein Sabbatjahr verbringen willst?“

„Ja. Es war zu viel los in letzter Zeit“, bestätigte Taro. „Ich musste weg von allem und raus. Und dabei irgendwas tun, damit mir am Endes des Jahres klar ist, was ich selbst wirklich will.“

„Das ist ein Ziel“, fand Lumin. „Wir tun unser möglichstes, Dich dabei zu unterstützen. Was weißt Du denn von den Quysthali?“

„Also…“ Weiter kam er nicht. Ein Klingelton unterbrach ihn, eine Abfolge von Pieptönen. Lumin griff in eine Tasche, die am Gürtel des Gewands hing, das er unter dem Mantel trug, und zog ein Smartphone heraus.

„Entschuldigung“, sagte er, „aber als Leiter dieser Gemeinschaft muss man für viele ständig erreichbar sein.“ Er tippte auf den Bildschirm des Geräts. „He, eine Nachricht von Bhelghor!“

„Ja?“, fragte Vivien freudig. „Was schreibt er?“

Lumins Miene verdunkelte sich. „Nur zwei Worte“, antwortete er. „TAUBE ABGESTÜRZT.“